"Nervensegen": Musik und Totschlag

Schaurig Schönes zum Totlachen

Von Corina Appel

HASELBACH - „Musik und Totschlag“ hieß es am Samstag im Kulturforum. Das Trio „NervenSegen“ sparte nicht mit blutrünstigen Sketchen und ging das Risiko ein, dass sich sein Publikum „totlachte“.

Wenn die Leiche am Boden plötzlich anfängt zu singen, ist es möglicherweise keine Leiche, sondern Kai Gemeinder von den „NervenSegen“. Und wenn die dem Publikum sinngemäß entgegensingt: „Wäre schön, wenn ihr endlich nach Hause geht“, dann ist klar: Das ist kein gewöhnliches Kabarett.

Mit dieser Szene ist das Programm von den „NervenSegen“ Valeska Judisch, Kai und Marcus Gemeinder allerdings schon fast zu Ende, und das Publikum hat sich selbst überzeugen können, dass „Musik und Totschlag“ ein außergewöhnlich makabres und zugleich wunderbar humorvolles Kabarett ist. Pianist Marcus Gemeinder hatte das Publikum zu Beginn gewarnt: „Für Zuhörer unter 16 Jahren nicht geeignet. Und für die anderen eigentlich auch nicht.“ Das mit den „unter 16 Jahren“ könnte ernst gemeint gewesen sein. Der Rest nicht.

Schon bevor es los geht, geht es los. Verwirrend? Wie gesagt, dieses Trio hat einige gute Ideen im neuen Programm verarbeitet. Und das geht damit los, dass es „aus Versehen“ seine Mikros nicht abschaltet und hinter den Kulissen unter anderem über das Publikum lästern. Klar, dass jedes Wort im Saal deutlich zu hören ist.

Als Kai Gemeinder dann als Kommissar Karlheinz Bogart mit Trench und Pistole auf die Bühne kommt, braucht er nicht mehr lange, um das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Und nach seinem Bericht über die verlorene Freundin und den Mitleidsbekundungen aus dem Publikum ist das dickste Eis gebrochen.

Die Kabarettisten drehen bei ihrem Auftritt alles ein wenig auf den Kopf. Zum „Aufheitern“ singt der Kommissar „Jeanny“ von Falco und beschwert sich, dass er den „Mörder“ (Falco) nicht mehr verhaften konnte, weil dieser sich erdreistet hat, vorher zu sterben.

Valeska Judisch steht ihrem Bühnenpartner in nichts nach. Musikalisch begleitet, klärt sie das Publikum darüber auf, wie das Boeuf Stroganoff entstanden ist. Klar, dass das nichts mit harmlosem Kochen und Braten zu tun hat – schließlich geht es im ganzen Programm um Mord und Totschlag.

Auch der Bericht über ihre selbst geschriebene Oper ist ein Highlight. Judisch, von Beruf Logopädin, erstaunt das Publikum nicht nur mit der Schnelligkeit, mit der ihr die Wörter aus dem Mund sprudeln. Auch die „Oper“ ist schnell vorbei. Drei Akte in drei Minuten, danach sind alle tot, einschließlich dem Dirigenten.

Je mehr das Publikum im Kulturforum die anfänglich noch bestehende Zurückhaltung aufgibt und sich auf die schaurigen, aber gut pointierten Sketche einlässt, desto begeisterter der Applaus. Im weiteren Verlauf beschreiben die beiden ein Masochisten-Pärchen, wobei sich die Zuschauer schon lange nicht mehr von den harmonischen Melodien täuschen lassen. Die Texte haben es in sich. Aber sie können allem Negativen auch etwas Gutes abgewinnen. Beispiel? „Hohe Arbeitslosigkeit heißt gleichzeitig wenig Berufsverkehr.“

Auch mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens beschäftigen sie sich. Wie etwa: Warum gibt es kein Katzenfutter mit Mäusegeschmack. Oder warum hat Noah die Stechmücken nicht erschlagen. Und als Musikkritiker nimmt Judisch außerdem die Medien und die Medienhörigen auf die Schippe.

Das Trio ist ein Familienunternehmen, sagt Valeska Judisch im Anschluss an die Vorstellung. Seit 2000 stehen sie gemeinsam auf der Bühne, wobei Marcus Gemeinder, ihr Lebensgefährte, sie und seinen Bruder Kai vor allem am Flügel begleitet.

Die Schluss-Szene mit der Leiche war für das Trio eine Schlüssel-Szene. „Die war so schön boshaft, dass wir ein Programm schreiben mussten, das dort hin führt“, sagt Judisch zur Entstehung von „Musik und Totschlag“.

Clemens Gattinger vom Liederkranz Hasselbach, den Organisatoren des Abends, war vollauf zufrieden. Er versorgte gemeinsam mit Harald und Sebastian Meudt das Publikum in der Pause und danach mit Getränken und Brezeln. Mehr zu den NervenSegen gibt es auf www.Nevensegen.de.

Quelle: Taunus-Zeitung

 


 

Warum gibt’s beim Bestatter keine Geschenkgutscheine?

KABARETT Das Trio „NervenSegen“ pflegt im Kulturzentrum Hasselbach den gehobenen schwarzen Humor / Von der unterhaltsamen Lust am Makabren und Boshaften

HASSELBACH - (sn). Der Samstagabend im Hasselbacher Kulturforum war nichts für Zartbesaitete. Da wurde gesungen und gesägt, getanzt und getötet, musiziert und gemeuchelt. Die drei „NervenSegen“, Valeska Judisch, Kai Gemeinder und Marcus Gemeinder, hatten ein makaber-unterhaltsames Programm unter dem Motto „Musik und Totschlag“ zusammengestellt, das sie gekonnt vortrugen. „Mir liegen zwar die Frauen zu Füßen, aber leider sind sie tot, die Süßen“, sang Kommissar Karl-Heinz Bogart, alias Kai Gemeinder, melancholisch-satirisch. Und weil er sonst keine Frau bekam, richtete er die (Plastik-)Pistole aufs Publikum: „Hände hoch, alle Männer, alle Frauen über 40 und unter 16, alle in festen Händen dürfen die Hände runternehmen.“ Da blieb keine für ihn, den armen, bedauernswerten Kommissar in seinem zerknautschten Trenchcoat, übrig. Und er heischte das Mitgefühl der Zuschauer ein, die bereitwillig mitgingen und ihm ein langgezogenes „Oooch“ als Trost spendeten. Als Kommissar tagtäglich mit dem Tod konfrontiert, stellten sich ihm wichtige Fragen wie: „Wieso gibt’s im Bestattungsunternehmen keine Geschenkgutscheine?“
Als Verdächtige oder Zeugin, je nach Bedarf, trat Valeska Judisch auf, die mit gekonnt russischem Akzent das Lied „Stroganoff“ von Friedrich Hollaender intonierte. Oder als Frau eines Mörders beklagte: „Ach, Erich, warum bin ich dir hörig“. Und ihm half, die Leichen zu beseitigen. Mit bitterbösem schwarzen Humor kam das Duett der beiden Sägebegeisterten daher: „Du wirst nie von mir gehen, wenn beide Beine fehl’n“. Makaber-fröhlich gingen sie anschließend „Tauben vergiften im Park“.

Immer auf dem Flügel punktgenau begleitet von Marcus Gemeinder. Ob als unmusikalische Musikkritikerin, Vampirin, die aus Liebeskummer Selbstmord an der Sonne begeht, singende Leiche, die den ersten Wurm begrüßt, oder als Hass-Liebende, Valeska Judisch und Kai Gemeinder begeisterten die rund 120 Zuschauer mit ihrem schauspielerischen Talent und gesanglichen Können, gepaart mit der Lust am Makabren und Boshaften.

Der „Liederkranz“ hatte Glück die drei für einen ihrer seltenen Auftritte engagieren zu können. Denn nur ein bis zwei Mal im Jahr treten sie öffentlich auf, sonst nur in kleinerem Kreise. Angefangen hat das Trio zu einer Familienfeier 1998, denn Kai und Marcus Gemeinder sind Brüder und Valeska Judisch ist mit Marcus Gemeinder ein Paar. Alle drei sind in ihren Berufen sehr eingebunden: Valeska Judisch als Logopädin, Kai Gemeinder als Moderator und Marcus Gemeinder bei der Deutschen Bahn. Aber trotzdem treten die drei seit 2000 als „NervenSegen“ auf.

Der Kontakt zum Liederkranz kam über Valeska Judisch zustande, die als Sopranistin schon einmal mit dem Männerchor gesungen hat. Mittlerweile stellen die „NervenSegen“ ihr drittes Programm zusammen, das wieder in die Sparte schwarzer Humor fällt. Dabei greifen sie gerne auf Lieder von Friedrich Hollaender, Georg Kreisler oder Bodo Wartke zurück.

Quelle: Usinger Anzeiger

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